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Zeichen – Bücher – Netze: Von der Keilschrift zum Binärcode // Dauerausstellung im Deutschen Buch- und Schriftmuseum // Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig

Ob Kerbholz, Tattoo oder anatomisches Lehrbuch, ob Leuchtreklame oder Tarnschrift, Grabstein, Roman oder Liebesbrief: Seit mehr als 5.000 Jahren notiert der Mensch sein Wissen über die Welt, seine Mitteilungen und Phantasien mithilfe schriftlicher Zeichen. Während die Menschen vor der Erfindung der Schrift Informationen von Generation zu Generation mündlich weitergegeben haben, ermöglichen Schrift, Buchdruck und Computer das Speichern von Wissen, das so die Zeiten überdauern kann. Entlang der drei Medieninnovationen erzählt die Dauerausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums eine kurze Mediengeschichte der Menschheit.

Die Ausstellung ist als "Erlebniszone" gestaltet, die zur Erkundung früher Kommunikationsformen, Erinnerungstechniken und Schriftsysteme, "alter" Buchformen, Aufzeichnungstechniken und mittelalterlicher Buchkunst einlädt, die die Fortschrittsleistung von Johannes Gutenberg hinterfragt, "Lesewelten" eröffnet, von unterschiedlichen Zensurfällen berichtet und Meisterleistungen moderner Buchkunst vorstellt. Bei der Erschließung der lexikalisch aufbereiteten Meilensteine der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der rasanten Medienentwicklung vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute, bei der das Buch seine Rolle als Leitmedium verliert und mit Radio, Fernsehen und digitalen Netzwelten konfrontiert wird, können und sollen die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher selbst aktiv werden.

Am 24. Januar 2013 wurde die Dauerausstellung mit dem Antiquaria-Preis für Buchkultur geehrt. Hannes Hintermeier, Redakteur im Feuilleton der FAZ, betonte in seiner Laudatio, dass es der Ausstellung gelungen sei, ein kulturhistorisch sehr breit angelegtes Thema mit hohem wissenschaftlichen und ästhetischen Anspruch aufzuarbeiten, ohne das breite Publikum aus den Augen zu verlieren. Die Jury begründete Ihre Entscheidung: "Der klug durchdachte Parcours von den Keilschriften bis zu den digitalen Techniken spricht Laien ebenso wie Fachleute an und hat begeisterte Reaktionen ausgelöst."

Video zur Dauerausstellung

Bildmaterial zur Ausstellung

Information und Kontakt

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr, Donnerstag 10–20 Uhr, Feiertage 10–18 Uhr, am 1. Januar 2018 und vom 15. bis 22. Januar 2018 geschlossen
Eintritt frei


Besucherinformation

Themen der Dauerausstellung

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen in Ägypten und im Vorderen Orient gaben im vierten Jahrtausend die entscheidenden Impulse zur Entwicklung von Schrift, deren entscheidende Wegmarke die Alphabetschrift ist. Während die Geschichte der Schrift anhand archäologischer Relikte erzählt wird, setzt sich Boris Petrovsky in seinem interaktiven Medienkunstwerk "abc-Matrix" mit der Frage auseinander, wie sich aus dem langsamen Entziffern von Zeichen Sinn ergibt.

Seit jeher wird das Schreiben von den unterschiedlichen Anlässen des Aufzeichnens und Speicherns geprägt: Ob Kassiber, Tattoo oder Felszeichnung, ob für die Ewigkeit oder für den Moment – das kulturelle Umfeld und die Absicht des Schreibenden bestimmen die Schreibtechnik. Schrift ist aber nicht nur das Ergebnis eines Speicherprozesses, sie ist zugleich gestaltetes Zeichen und optisches Signal. Schriftgestalter ringen seit Jahrhunderten um die künstlerische Ausgewogenheit von Schriften, die gute Lesbarkeit mit gestalterischer Perfektion verbinden.

Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig (Foto: Klaus D. Sonntag)Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig (Foto: Klaus D. Sonntag)

Das Medium, das wie kein anderes die schriftlichen Zeugnisse der Menschheit überliefert hat, ist das Buch. Es bildete sich in der bis heute geläufigen Form im ersten Jahrhundert nach Christus heraus. Höhepunkt der Bedeutung des Buches für die Kultur war die mittelalterliche Handschriftenzeit. Neben die Klöster als Hauptzentren für Wissenspflege und Buchkunst traten im zwölften Jahrhundert Universitäten, Fürstenhöfe und die städtische Verwaltung. Buchbesitz und Buchwissen blieben aber weitgehend elitär – die Handschriftlichkeit erweist sich als Grenze der medialen Wirksamkeit.

Erst durch den Buchdruck mit beweglichen Lettern wird das Buch das Leitmedium. Die komplexe Drucktechnik von Johannes Gutenberg markiert als bedeutendste Innovation der frühen Neuzeit einen Einschnitt in der Geschichte. Ein neues Medienzeitalter beginnt, das Buch wird zur Ware für einen anonymen Markt und fördert den europäischen Kommunikationsprozess. Die Massenfertigung gleicher Produkte erforderte neue Vertriebsnetze. In Zusammenhang mit der Reformation übernahm der Buchdruck Berichterstattung und öffentliche Meinungsbildung. Auch für die wissenschaftliche Begründung der Welt und die Demokratisierung von Bildung war der Buchdruck der wichtigste Katalysator. Die Lektüre blieb bald nicht mehr auf die gelehrte Welt, religiöse Erbauung oder nützliche Anwendung beschränkt, sondern entwickelte sich dank fiktionaler Literatur zum geselligen Zeitvertreib, der neue Leserschichten erfasste und eine ungeahnte Nachfrage nach Lesestoffen auslöste. Im 18. Jahrhundert vollzieht sich ein Mentalitätswandel im Lesen, den bereits die Zeitgenossen als "Vielleserei" und "Lesewut" bezeichneten. Ob in Lesegesellschaften, Leihbibliotheken, dörflichen Wirtshäusern oder im Wohnzimmer – das Lesen war aus öffentlichen und privaten Räumen nicht mehr wegzudenken. Von Goethes "Werther" bis zu den heute längst vergessenen Räuber- und Rittergeschichten in verschlissenen, schlecht gedruckten Heftchen: Lesefutter aller Art.

Die massenhafte Produktion von Gedrucktem und seine Rolle in Gesellschaft und Religion rief das Bedürfnis nach Kontrolle wach. Als Eingriff in die Meinungsfreiheit und als erzieherische Maßnahme erhielt die Zensur eine neue Dimension. Die Reformation wurde ihr entscheidender Katalysator. Die Zensurlisten der katholischen Kirche – der zwischen 1559 und 1967 erschienene Index librorum prohibitorum – sind der prominenteste Versuch, den Buchmarkt systematisch zu kontrollieren. Mit Tarnschriften und Untergrundliteratur versuchen Autoren und Verleger, den Fangnetzen der Zensur zu entgehen.

Mit der großen Nachfrage nach Gedrucktem setzte im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts die Industrialisierung der Buchproduktion ein. Die Ablösung der Handarbeit durch den Maschinenbetrieb zielte am Anfang des 20. Jahrhunderts auf eine umfassende Automatisierung. Die damit gegebene Steigerung der Produktionszahlen und die Erschließung neuer Leseschichten ging Hand in Hand mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Um die Bedürfnisse dieser bildungsbeflissenen, auch an Unterhaltung interessierten Leserschichten zu befriedigen, konnten und mussten neue Buchgattungen und Publikationsformen entwickelt werden, die sich durch niedrige Preise und großzügige Bebilderung auszeichneten. In Abgrenzung von der industriellen Massenproduktion von Büchern bildeten sich am Ende des 19. Jahrhunderts buchkünstlerische Strömungen heraus, die das Buch als kunsthandwerklichen Gegenstand begriffen. Die englische Buchkunstbewegung, die Bauhaustypografie und das Künstlerbuch bereiteten dem modernen Verständnis von Buchgestaltung den Weg.

Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Massenmedien: Zeitungen, Radio, Fernsehen und schließlich das Internet prägen die Medienkommunikation moderner Gesellschaften. Das Buch befindet sich stärker denn je im Wettbewerb mit anderen Medien der Vermittlung und Speicherung von Information. Das "Zeitalter der Extreme" (Eric Hobsbawm) ist von Beschleunigung, Technisierung und Vernetzung geprägt. Am Beginn des 21. Jahrhunderts stehen sich ein boomender Buchmarkt und eine Welle der Digitalisierung und Virtualisierung aller Medien gegenüber. Mit dem Eintritt des Buches in die Netzwelt entstehen virtuelle Bibliotheken: Information und Wissen sind über das Universalmedium Internet überall verfügbar, sind vernetzt und multimedial. Die "virtuelle Bibliothek" ist eine universelle Vorstellung, die alle Formen der Kommunikation und Rezeption integriert und die Schrift und Buch als zwei menschheitsgeschichtliche Innovationen weiter entwickelt.

Und morgen? Aussagen aus der Zukunftsforschung, aus Literatur und Science-Fiction verdichten sich am Ende der Ausstellung in künstlerisch gestalteten Guckkästen zu einer "Kulturgeschichte der Zukunft", auf die durchaus auch augenzwinkernd referiert wird.

Letzte Änderung: 06.12.2017

Kurz-URL: http://www.langzeitarchivierung.de/nda

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