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Bahnriss?! Papier | Kultur

Wenn im Maschinensaal der Papierfabrik der Ruf "Bahnriss!" erschallt, wissen die Papiermacher, was Sache ist – ein technischer Störfall ist eingetreten, die Produktion muss neu in Gang gebracht werden. Doch heute droht ein ganz anderer Riss – die über Jahrhunderte sich geradezu symbiotisch entwickelnde enge Bindung von Papier und Kultur ist im Zeitalter der Apps brüchig geworden. Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig spürt der traditionellen Verknüpfung von Papier und Kultur in der Wechselausstellung "Bahnriss?! Papier | Kultur" vom 19. Februar bis 2. Oktober 2016 nach.

Seitdem italienische Papiermacher im 13. Jahrhundert Verfahren entwickelt hatten, mit denen aus alten Lumpen in großen Mengen schönes, großformatiges und weißes Papier hergestellt werden konnte, setzte jene "Epoche des Papiers" (Lothar Müller) ein, die zu einer beispiellosen kulturellen Entfaltung führte. Die weiße Kunst der Papiermacher und die schwarze Kunst der Buchdrucker schienen gleichsam füreinander bestimmt. In den vergangenen Jahrhunderten wurde das Papier zum Grundstoff einer Kultur, deren Datenspeicherung textbasiert war. Dank des neuartigen und massenweise zur Verfügung stehenden Beschreibstoffs entwickelte sich eine intensive kaufmännische und administrative, künstlerische und literarische Kultur. Mit Papier und Druck verbreiteten sich auch die Fertigkeiten des Lesens, Schreibens, Rechnens und – nicht zu vergessen – des Komponierens, Singens und Musizierens.

Der explodierende Buchmarkt des Industriezeitalters ließ den Papierverbrauch in zuvor ungeahnte Höhen schnellen. Während das Aufkommen von Film, Rundfunk und Fernsehen dem Papierverbrauch keinen Abbruch tat, setzen die digitalen Medien den Produktionszahlen zu. Weltweit lässt sich ein Niedergang der Zeitungspapierproduktion beobachten, klassische Erzeugerländer wie Kanada oder die skandinavischen Länder, aber auch China, der mittlerweile weltweit größte Papierhersteller, verzeichnen einen massiven Rückgang der Produktion. Wachstum hingegen ist immer noch bei Verpackungspapier, Karton und Wellpappe – der Internethandel lässt grüßen – und bei Hygienepapier zu verzeichnen.

Die Ausstellung ist in sieben Themenabschnitte gegliedert: Ein steinerner Stampftrog aus Hessen und das frisch restaurierte Modell einer Papiermühle stehen am Beginn der Schau. Unter der Überschrift "Überall Papier. Was kann Papier?" geht es um die zahlreichen Verwendungsszenarien von Papier. Dass das papierne Zeitalter auch das Zeitalter der Auflistung und Verbuchung, der Berechnung und aktenförmiger Entscheidungsprozesse ist, kommt ebenso zur Sprache wie die Einführung des Lochkartenverfahrens, in dem das Papier eine neue Funktion als maschinenlesbarer Datenträger bekommt. Das letzte Kapitel der Ausstellung setzt sich mit papierner Magie auseinander.

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Böser Geist

Kultfigur der Otomí, einem indigenen Volk in Mexiko, Rindenbast-Papier, San Pablito Chiquito, Provinz Pueblo, 1985 (Abbildung: Deutsche Nationalbibliothek) Böser GeistKultfigur der Otomí, einem indigenen Volk in Mexiko, Rindenbast-Papier, San Pablito Chiquito, Provinz Pueblo, 1985 (Abbildung: Deutsche Nationalbibliothek)

Letzte Änderung: 18.02.2016

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