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Renate Tost

Von der Schulausgangsschrift zur Kalligrafie und skripturalen Gestik

Neben Sprache und Gestik gehört die Schrift zu den wichtigsten Mitteln menschlicher Verständigung. Die persönliche Handschrift ist zugleich eine der individuellsten Ausdrucksmöglichkeiten. Über viele Jahrhunderte hinweg hatte die Ausbildung einer wohl geformten flüssigen Handschrift hohen Stellenwert. Das Erlernen der Schreibfertigkeit basierte auf Vorlagen von Schreibmeistern, die von Ort zu Ort, auch von Schule zu Schule in unterschiedlichster Form Anwendung fanden und die Schönschrift oft bis auf die Ebene der kalligrafischen Kunst kultivierten. Im Zeitalter elektronischer Medien kommt dem Schreiben mit der Hand, abgesehen von der Unterschriftsleistung, einer schnellen Notiz, einem persönlichen Glückwunsch o.ä. nur noch randständige Bedeutung zu und der Begriff "Kalligrafie" wird oft auf die Vorstellung asiatischer oder arabischer Schriftkunst und Schriftmeditation reduziert. Im europäischen Raum gibt es eine Reihe von Künstlern, die auch heute noch kalligrafisch tätig sind und Vereinigungen, die diese Kunstpflege unterstützen (Ars Scribendi: Internationale Gesellschaft zur Förderung der Literatur- und Schriftkunst e.V., Schweizerische Kalligraphische Gesellschaft u. a.). Die Kalligrafie ist mit vielen Facetten besetzt. Geht man davon aus, dass Schrift die grafische bzw. bildhafte Darstellung von Sprache ist, so versteht man unter Kalligrafie eine besondere Qualitätsstufe der vornehmlich handschriftlichen Ausführung, die auch ein künstlerisches Anliegen sein kann. In der Regel ist zwischen zweckgebundener bzw. anwendungsorientierter und freier Kalligrafie zu unterscheiden.

Für Renate Tost (geb. 1937) begann der Weg zur Kalligrafie mit dem Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig (1955 - 1960). Dabei stand zunächst die Auseinandersetzung mit der Funktionalität und Formgebung des reformbedürftigen Ausgangsalphabets, das an den Schulen der DDR gelehrt wurde, im Vordergrund. Die Anregung dazu erhielt sie von einem ihrer Lehrer, Albert Kapr (1918 - 1995). In Zusammenarbeit mit der Diplompädagogin Elisabeth Kaestner (Institut für Lehrerbildung, Radebeul) erarbeitete Renate Tost die Grundlagen für eine neue Schulausgangsschrift, die 1968 in den allgemeinbildenden polytechnischen Oberschulen der DDR eingeführt wurde. Die Ergebnisse des langjährigen Forschungsprojektes gingen jedoch weit über das hinaus, was seitens des Ministeriums für Volksbildung für die Reform der Schulausgangsschrift wirklich genutzt wurde. Ihren Anteil an diesem Projekt sieht Renate Tost folgendermaßen: "… meine spezifische Aufgabe und Verantwortung als Grafikerin besteht vor allem darin, den reichen Erfahrungsschatz europäischer Schriftkultur (insbesondere die Renaissance-Kursiven als Quelle der lateinischen Schreibschriften) für die Gestaltung des Alphabets zu nutzen und elementar-ästhetische Prinzipien in den Schreibvorlagen umzusetzen."
Bis zum Abschluss ihrer Promotion 1975 am Institut für Kunsterziehung der Universität Leipzig beschäftigte sie sich weiterhin mit diesem Thema und leistete mit Publikationen und grafischen Arbeiten einen wesentlichen Beitrag zur Profilierung des Schreibunterrichts in der Grundschule sowie zur Schriftgestaltung in der Kunsterziehung.

Während der sich anschließenden Lehrtätigkeit an der Pädagogischen Hochschule Dresden im Fachgebiet Kunsterziehung knüpfte Renate Tost wieder verstärkt an die ursprüngliche Schriftausbildung bei Albert Kapr und Irmgard Horlbeck-Kappler an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst an und aktivierte das eigene künstlerische Schaffen. Die Arbeitsfreundschaft mit Hildegard Korger, ebenfalls Hochschule für Grafik und Buchkunst, brachte vor allem nach dem Ausscheiden aus dem Lehrbetrieb weitere fruchtbare Impulse.
Renate Tost erhielt 1982 im Rahmen des Sonderwettbewerbs der Internationalen Buchkunstausstellung Leipzig (IBA) die Bronzemedaille für einen kalligrafischen Zyklus und wurde 1989 mit dem Kunstpreis der Pädagogischen Hochschule Dresden ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet freiberuflich in Dresden.
Die Präsentation im Deutschen Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig gibt Einblick in das eigenwillige Schaffen von Renate Tost, das zum Teil auch mit Phasen des Rückzugs verbunden war. Die wesentlichen Werkgruppen von der textgebundenen Kalligrafie über die kalligrafischen Formspiele und abstrakte Kalligrafie bis zur skripturalen Gestik und den Entwicklungen der jüngsten Zeit mit Linien, die zur Struktur gebündelt sind, werden beispielhaft mit grafischen Blättern belegt. Hinzu kommt eine Dokumentation der wichtigsten Arbeitsschritte zur Entwicklung der Schulausgangsschrift, einschließlich eines knappen Rückblickes bis zur "Deutschen Schreibschrift" von Ludwig Sütterlin, die nach einer Erprobungszeit mit einigen Abwandlungen seit 1935 Teil des offiziellen Lehrplans wurde und in Folge des nationalsozialistischen Schrifterlasses durch die "Deutsche Normalschrift" Ersatz fand.
Gegenwärtig werden in Deutschland drei verschiedene Ausgangsschriften gelehrt: die "Lateinische Ausgangsschrift", die "Vereinfachten Ausgangsschrift" und die "Schulausgangsschrift" der ehemaligen DDR. In den einzelnen Bundesländern ist es unterschiedlich geregelt, ob eine der Schriften verbindlich vorgeschrieben oder mehrere Schriften zur Auswahl gestellt werden.

Die Dokumentation der Schriftentwicklung und des Schreibens als eine der ältesten Kulturtechniken nimmt im Aufgabengebiet des Deutschen Buch- und Schriftmuseums einen wichtigen Platz ein. Neben historischen Beispielen der Schreib- und Druckschrift aus verschiedenen Kulturkreisen und Anwendungsgebieten gehören auch Arbeiten bedeutender europäischer Schriftkünstler des 20. und 21. Jahrhunderts zum Bestand.
Ein Ergänzungsankauf von Arbeiten der Dresdner Schriftkünstlerin Renate Tost im vergangenen Jahr und Schenkungen der Künstlerin gaben Anlass für diese kleine Würdigung.

pomposo; Abstrakte Kalligrafie, 1990. Mischtechnik (Pinsel, Spritzflasche), Deckfarbe

Buchstabenähnliche Linienschwünge, gold und weiß auf schwarzem Grund pomposo; Abstrakte Kalligrafie, 1990. Mischtechnik (Pinsel, Spritzflasche), Deckfarbe

Kalligrafisch schreibende Hand mit Kielfeder (Bild anzeigen)

Lateinisches Alphabet, Gorßbuchstaben rot und Kleinbuchstaben schwarz (Bild anzeigen)

Buchumschlag mit der Aufschrift

Lateinisches Alphabet mit Großbuchstaben, Kleinbuchstaben und Ziffern, weiß auf schwarz (Bild anzeigen)

Maschinenschriftlicher Brief von Hermann Zapf an Albert Kapr bezüglich Diplomarbeit von Renate Tost, handschriftlich unterzeichnet von Zapf (Bild anzeigen)

Das Wort

Buchstabe H und B ornamental verschlungen, mehrfache Linienführung blau, ocker und schwarz auf gesprenkeltem Grund (Bild anzeigen)

Buchstabenähnliche Linienschwünge, gold und weiß auf schwarzem Grund (ausgwähltes Bild)

Gestische Pinselschwünge rot und schwarz auf grauem Grund (Bild anzeigen)

Fünf senkrecht laufende, unterschiedlich geformte Linienbündel, teilweise ineinander übergehend, weiß auf schwarzem Grund (Bild anzeigen)

Letzte Änderung: 11.11.2011

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