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Die mobilisierte Heimat

"Niemand fragte uns, was wir dachten. Der Krieg gehörte den Erwachsenen, wir liefen sehr einsam dazwischen herum. Wir glaubten an nichts, aber wir taten alles." Ernst Glaeser. Jahrgang 1902, 1928

Handelsembargo, Rüstungsproduktion und eine alles verschlingende Kriegsführung stürzten die Bevölkerung in einen erbitterten Kampf gegen Hunger und Armut. Die Grenze zwischen der militärischen und zivilen Sphäre löste sich auf, der Lebensalltag in der Heimat wurde zur zweiten Front. Schon nach wenigen Monaten Krieg war die Versorgung der Zivilbevölkerung mit Lebensmitteln nicht mehr gesichert. Mehl, Brot, Kartoffeln und andere Grundnahrungsmittel unterlagen strengster Rationierung. Die Preise stiegen, es gab Plünderungen und erste Hungerkrawalle. Seit Januar 1915 wurden Lebensmittelkarten ausgegeben und die Bevölkerung zur äußersten Sparsamkeit aufgerufen. Diverse Ersatzstoffe und sogar Abfälle hielten Einzug in die Küche und andere Lebensbereiche. Einen Höhepunkt erreichte die Not im "Hungerwinter" 1916/1917, als Steckrüben fast zur einzigen Nahrungsquelle wurden. Krankheiten breiteten sich aus und die Kindersterblichkeit stieg während der Kriegsjahre um etwa 50 Prozent.

Der anhaltende Krieg versetzte auch den Schulbetrieb in einen Ausnahmezustand. Viele Schulgebäude dienten der Einquartierung von Soldaten oder wurden zu Lazaretten umgerüstet. Mehr als 50 Prozent der deutschen Lehrer waren an der Front. Der Verlust von Autorität und Obhut in den Familien beeinträchtigten die Entwicklung der jungen Generation stark. Die Väter waren eingezogen und die Mütter hatten den Lebenserhalt zu sichern. Viel zu früh wurden Kinder in die Rolle der Erwachsenen gedrängt und waren davon nicht selten überfordert. Dennoch folgten sie den Appellen an ihre Opferbereitschaft. Sie leisteten diverse Hilfsdienste von der Geld-, Gold- und Materialsammlung bis zur Herstellung und Sammlung von "Liebesgaben" für die Front, gerieten aber auch in den Sog der Kriminalität.

Virtueller Rundgang (Auswahl)

Mitbürger!

Mitbürger! Mitbürger!

Plakatanschlag zur Abgabe von Grundnahrungsmitteln für die Truppenversorgung, Leipzig: Rat der Stadt Leipzig, 15. Juni 1916
Deutsche Nationalbibliothek, Weltkriegssammlung

Letzte Änderung: 20.01.2015

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