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Sammlung historischer Abspielgeräte

Heißluft-Trichtergrammophon

(Schweiz 1907)
Hersteller/Typ: Paillard Polyeucte Mod. 205
Antrieb: 2-Zylinder Heißluftmotor (Sterling-Prinzip)

Heißluft-Trichtergrammophon Heißluft-Trichtergrammophon

Trichtergrammophone wurden jahrzehntelang durch Federmotoren angetrieben, bis sich in den 30er Jahren der Elektromotor durchzusetzen begann. Eine große Ausnahme bildeten die Grammophone der Firma Paillard. Diese Grammophone, von Paillard als Maestrophone bezeichnet, wurden von einem Heißluftmotor - auch als Stirling-Motor bekannt - angetrieben.
Diese Antriebsart kennt man seit 1816, als der schottische Pfarrer Robert Stirling diese Maschine zum Patent anmeldete. Das Prinzip ist einfach: Im Motor wird eine eingeschlossene Gasmasse periodisch abgekühlt und erwärmt. Die dadurch hervorgerufenen Druckveränderungen werden durch Kolben in mechanische Arbeit umgesetzt. Der Zwei-Kolben-Heißluftmotor in den Paillard-Grammophonen leitet die Kraft über ein Gestänge auf das Schwungrad, mit dem der Plattenteller angetrieben wird. Die Leistung von Stirling-Motoren ist im Vergleich z.B. zu Dampfmaschinen nur sehr gering, daher konnten sie sich im Alltag nur bei wenigen Nischenanwendungen etablieren.

Der Korpus des abgebildeten Maestrophone 205 weist einige Besonderheiten auf. Der Aluminiumtrichter auf der linken Seite dient dazu, überschüssige Wärme abzuführen. Auf zwei Seiten ist das Gerät mit holzgerahmten geschliffenen Kristallglasscheiben versehen, die am oberen Rand nicht bündig abschließen, sondern Belüftungsschlitze frei lassen, über die ebenfalls Wärme abgeführt wird.

Als Energiequelle dient ein kleiner Messingbrenner, der mit Spiritus gefüllt wurde. Zum Betrieb des Grammophons wurde die vordere Glasklappe geöffnet, der Brenner (auf der linken unteren Seite) entnommen und nach Entzünden des Dochtes in eine mit Glimmerplatten abgeschirmte Brennkammer zurückgestellt. Nach kurzer Zeit ließ sich das Schwungrad mit einer leichten Bewegung in Gang bringen. Der Motor des Grammophons begann zu laufen.

In den Katalogen der Firma tauchten diese Geräte ab ca. 1912 mit dem Vermerk "Letzte Neuheit" auf. Der Werbetext verspricht: "Immer betriebsfertig. Elegantes Aussehen. Präzisionsarbeit mit Kugellager. Geräuschloser & stets gleichmäßiger Gang. Geringer Spiritusverbrauch: 0,3 Liter für einen zwölfstündigen Betrieb hinreichend. Keine Zugfeder mehr. Kann sofort in Bewegung gesetzt & angehalten werden. Keine wahrnehmbare Wärme, jede Gefahr ausgeschlossen."

Die letzte Aussage des Werbetextes entsprach nicht ganz der Realität. Durch den bei längerem Betrieb auftretenden Wärmestau (die heiße Luft wurde trotz der technischen Vorkehrungen nicht genügend abgeleitet) erhitzte sich auch der Spiritus im Brennertank und bildete in ungünstigen Fällen ein Gas-Luft-Gemisch. Nicht wenige der wegen des hohen Anschaffungspreises ohnehin seltenen Grammophone wurden dadurch in Brand gesetzt. Dies erklärt, warum Paillard-Heißluft-Grammophone heute extrem selten zu finden sind.

Last update: 13.7.2012

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