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Jahresbericht 2010 - Drei Fragen

Drei Fragen an Simone Gleißner zum Erweiterungsbau in Leipzig

Interview mit der Baukoordinatorin für den vierten Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek

Frau Gleißner, was war 2010 ein besonderer Höhepunkt im Baugeschehen?
Ein Höhepunkt des Jahres war aus meiner Sicht die Fertigstellung der Büro- und Magazinbereiche für das Deutsche Buch- und Schriftmuseum und der Umzug von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wie auch der Bestände des Museums in ihr neues Domizil im Juni 2010.
Die neuen Büroräume sind mit dynamisch geschwungenen Schreibtischen und Einbaumöbeln eingerichtet und mit blickdurchlässigen Glaswänden abgetrennt. Damit wird eine großzügige Raumwahrnehmung und Transparenz erreicht. Alle internen Bereiche sind mit einem farbigen Fußbodenbelag ausgestattet. Die Farbwahl "cherry blossom" ist aus meiner Sicht ein gelungener Kontrast und Farbtupfer zu den in Sichtbetonqualität ausgeführten Wänden und Stützpfeilern.
Die klimatisierten Magazine sind mit elektrisch betriebenen Fahrregalanlagen ausgestattet. Die Regalierung der einzelnen Magazinbereiche entspricht exakt den jeweiligen Erfordernissen der in diesen Bereich einzustellenden Bestände. Planer und Magaziner standen vor der Herausforderung, bereits während der Planungsphase genau festzulegen, welche und wie viele Bestände wo archiviert werden sollten, damit die Regalanlagen optimal hergestellt und eingebaut werden konnten. Nachdem nun die Bestände umgezogen wurden, hat sich gezeigt, dass sich der große Planungsaufwand gelohnt hat!
Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Deutschen Buch- und Schriftmuseums bedeutet der Umzug in die neuen Büros eine deutliche Verbesserung der Arbeitsplatzqualität. Für die wertvollen und umfangreichen Bestände des Museums gibt es vor allem erst einmal ausreichend Platz, der den hohen Anforderungen an den Bestandsschutz gerecht wird.

Was ist das Besondere am Energiekonzept des neuen Gebäudes?
Hervorzuheben ist vor allem die Nutzung von Geothermie, also regenerativer Energie: unser neues Gebäude und der Bücherturm werden mit Erdwärme geheizt und gekühlt! Durch den Einsatz von Wärmepumpen wird die Erdenergie für Heizzwecke verwendet. Andererseits wird die Erdenergie durch das Auszirkulieren von Kühlwasser auf dem Temperaturniveau des Erdreiches aber auch zur passiven Kühlung eingesetzt. Beide Verfahren können parallel durchgeführt werden.
Die installierte Anlage ist ein geschlossenes System, in dem eine Doppelnutzung der erzeugten beziehungsweise anfallenden Energie zeitgleich für das Heiz- und Kühlsystem erfolgt. Bei gemäßigten Außentemperaturen - also den Großteil des Jahres - wird in so einem komplexen Gebäude ja immer beides benötigt: Heiz- und Kühlenergie. Der wesentliche Vorteil dieses Systems ist, dass das im Wärmepumpenbetrieb anfallende Kaltwasser gleichzeitig als Klimakaltwasser genutzt wird, das somit nicht separat erzeugt werden muss. Gleiches gilt für die anfallende Abwärme im Kältemaschinenbetrieb: mit dieser wird die Heizwärmeversorgung realisiert. Damit wird über das Jahr hinweg eine Auskühlung oder Aufheizung des Erdreichs durch einseitige Nutzung vermieden oder zumindest erheblich verlangsamt. Denn nur bei jahreszeitlich bedingtem überwiegendem Heiz- oder Kühlbetrieb - bei extremen Außentemperaturen - fällt überschüssige Energie an, die als Entzugs- oder Rückkühlenergie dem Erdreich wieder zugeführt wird.

Auf welchem Wege gelangen eigentlich jetzt, nach Abriss der "Röhre", die Bücher aus den Magazinen zu den Lesern?
Ja, die Demontage der vielen Leipzigern als Besonderheit der Bibliothek bekannten "Röhre", die bislang den Bücherturm und das Bestandsgebäude verband, war eine spektakuläre Aktion! Dabei wurde die Röhre, während sie an beiden Enden von zwei 100-Tonnen-Mobilkränen gesichert wurde, etwa einen Meter vor der jeweiligen Gebäudeeinbindung abgetrennt und dann vorsichtig durch die Kräne abgelegt. Am Boden wurde die Röhre in transportfähige Einzelteile zerlegt und abtransportiert.
Bücher und andere Medien werden nach wie vor über eine Buchtransportanlage befördert. Die bisherige schienengebundene Anlage wurde allerdings komplett demontiert und durch eine neue Bandanlage ersetzt. Für die neue Anlage mussten, auf Grund der größeren Abmessungen und einer zum Teil neuen Streckenführung, Mauerwerks- und Betonwände sowie Betondecken durchbrochen werden. Das war, besonders im Bestandsgebäude, mit viel Lärm und Schmutz verbunden.
Konservatorische Aspekte waren ausschlaggebend für die Entscheidung, die schienengebundene Anlage durch eine Bandanlage zu ersetzen: liegend können die Medien schonender transportiert werden. Außerdem wurde das Behältervolumen vergrößert und dadurch die Transportkapazität erhöht. Die neue Anlage hat eine Bandstrecke von etwa 750 Metern und verbindet das gesamte Gebäudeensemble. Auf jeder Magazinetage befindet sich eine Be- und Entladestation. Es ist also gut dafür gesorgt, dass die bestellten Titel selbst aus den weiter entfernten Magazinstandorten rasch den Bibliotheksnutzer erreichen.

Drei Fragen an Thomas Schleußner-Schwarz zum Umzug des Deutschen Musikarchivs

Interview mit dem Mitglied der Arbeitsgruppe "Umzug Deutsches Musikarchiv"

Herr Schleußner-Schwarz, wer zog von Berlin nach Leipzig um und wie wurde das gestaltet?
Zum ersten Arbeitstag in Leipzig am 1. Dezember waren 31 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Deutschen Musikarchiv beschäftigt. Die Hälfte ist bereits umgezogen oder plant dies in nächster Zeit, die anderen pendeln zwischen Berlin und Leipzig und leisten teilweise auch Telearbeit, sofern dies arbeitstechnisch möglich ist. In den Jahren 2009 und 2010 wurden in den Sitzungen der Arbeitsgruppe "Umzug DMA" zwei Dienstvereinbarungen erarbeitet. Eine mit 5-jährigen Sonderregelungen zur alternierenden Telearbeit im Einklang mit allen erforderlichen Arbeitsabläufen, eine weitere mit Sonderregelungen zur Arbeitszeit, zum Beispiel zur Schaffung von Arbeitszeitkonten. Trotz dieser Erleichterungen stellt das Pendeln für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen natürlich eine persönliche Belastung dar. Für die nach Leipzig übersiedelten Familien wurden flexible Umzugstermine ermöglicht. Die Vor-Ort-Suche nach Schulen, Kindergärten und Wohnungen wurde unterstützt und vielerlei kleinere Hilfestellungen angeboten. Hilfreich waren auch die Patenschaften, die Leipziger Kolleginnen und Kollegen übernommen hatten.

Was musste von Berlin nach Leipzig umgezogen werden?
Das war eine ganze Menge: Die Umzugs-LKWs sind rund sechs Wochen zwischen Berlin und Leipzig gependelt! Das Umzugsvolumen umfasste insgesamt etwa 1.400 Kubikmeter. Das Umzugsgewicht betrug über 700 Tonnen.
Der Bestand des Deutschen Musikarchivs enthielt zum Umzugstermin unter anderem über 500.000 Noten, darunter das GEMA-Archiv und die Noten des MIZ-Bestandes - das ist das Musik-Informations-Zentrum der ehemaligen DDR -, 450.000 CDs, 250.000 LPs und 55.000 Singles, über 20.000 Magnet-bandcassetten(MCs) und 11.000 Musik-Videos und DVDs, 250.000 Schellack-Schallplatten, 3.000 Klavierrollen und über 1.000 Phonografenwalzen. Gerade die bruchanfälligen Schellack-Schallplatten und ganz besonders die hochsensiblen Phonografenwalzen mussten äußerst vorsichtig bewegt werden.
Etwa 15 Kilometer laufende Regalböden Medien, Bücher und Akten wurden bewegt, dazu die persönlichen Arbeitsmittel der 31 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sowie zwei Flügel, ein Pianola-Klavier, 35 historische Abspiel- und Phonogeräte und einige kleine Teile des alten Tonstudios - 50 Geräte samt etwa 5.000 Kabelmetern.

Wie ist das Deutsche Musikarchiv in Leipzig angekommen? Wie wird es dort wahrgenommen?
Der Empfang in Leipzig war herzlich. Die allermeisten der naturgemäß bei einem Umzug auftretenden Anlaufschwierigkeiten konnten kurzfristig behoben werden, die Anfangsprobleme der ersten Monate in Organisation und Kommunikation wurden meist zügig gelöst. Die Berliner Kolleginnen und Kollegen sind somit gut in Leipzig angekommen. Die durchweg große Freundlichkeit, Offenheit und Hilfsbereitschaft der Leipziger Kolleginnen und Kollegen war und ist höchst erfreulich, ebenso der intensive persönliche und fachliche Austausch mit ihnen. Dafür gebührt allen ein sehr herzlicher Dank. Dies gilt auch für die unmittelbare Führung durch Herrn Fernau, den Direktor der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig. Dies öffnete kurze und schnelle Informations-, Kommunikations- und Entscheidungswege.
Das Deutsche Musikarchiv wird in Leipzig gut wahrgenommen, besonders durch die noch in Berlin erarbeitete und in Leipzig ganz neu und modern eingerichtete Ausstellung. Sie zeigt in breiter Auswahl Beispiele und Seltenheiten des hier gesammelten Medienspektrums und wird abgerundet durch eine Auswahl historischer Abspielgeräte und Tonmöbel. Das große Interesse an dieser Ausstellung verdeutlichte sich schnell in der großen Zahl der Führungen und den vielfältigen Fragen zu den Exponaten.
Die Hörkabine des Deutschen Musikarchivs, in der Medien angehört und angesehen werden können sowie das neue große Tonstudio, beide auf dem neuesten Stand der Technik, haben den Betrieb aufgenommen und sind gut belegt. Der neu gebaute Lesesaal ist eröffnet und wird genutzt. Der Vortragsraum des Musikarchivs ist schon vielfältig im Gebrauch. In ihm steht der große Steck-Flügel, der zuvor im Deutschen Musikarchiv in Berlin im Spiegelsaal der Siemens-Villa seinen Platz hatte. Mit seiner beeindruckenden Abspielmechanik für die Pianola-Rollen wird er sehr bald - nach fachgerechter Stimmung und Einrichtung - auch in Leipzig einer der Höhepunkte der Führungen und Vorführungen sein.
Mit der jetzt bestandsschützend optimalen Unterbringung der Musikmedien und den neuen Benutzungseinrichtungen ist eine hervorragende Grundlage für die weitere Entwicklung des Deutschen Musikarchivs geschaffen.

Last update: 21.02.2012

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