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Jahresbericht 2011 - Drei Fragen

Drei Fragen an Dr. Sylvia Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek

Frau Dr. Asmus, seit 2011 leiten Sie das Deutsche Exilarchiv 1933-1945. Wenn Sie die jüngste Vergangenheit Revue passieren lassen – was waren die Höhepunkte der Arbeit des Deutschen Exilarchivs?
Es gilt auch für das Deutsche Exilarchiv, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Es ereignen sich jedes Jahr viele Dinge, die letztlich zu einer positiven Bilanz beitragen, an der alle Kolleginnen und Kollegen des Exilarchivs mit den unterschiedlichsten Aufgaben ihren Anteil haben.
Wenn ich aber zwei Dinge herausgreifen soll, dann entscheide ich mich für einen Höhepunkt aus dem Bereich Veranstaltungen und einen aus dem Bereich der Erwerbung.
Am 15. November 2011 fand eine vom Deutschen Exilarchiv veranstaltete Podiumsdiskussion zum Thema »Formen des Erinnerns« statt. Dort haben Ruth Klüger, Herta Müller, Edita Koch, Volker Weidermann und ich über unterschiedliche Möglichkeiten der Erinnerung an Holocaust, Exil und Emigration diskutiert. Das geschah besonders vor dem Hintergrund, dass es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird, die aus eigenem Erleben an diese Zeitspanne erinnern können. Archive spielen in dieser Diskussion durchaus eine Rolle, denn sie sind die Institutionen, die Vergangenheit konservieren, indem sie Zeugnisse, wie Briefe, Dokumente, Manuskripte archivieren. Aber das alleine genügt natürlich nicht. Hinzukommen muss die Vermittlung der Themen – in Veranstaltungen, in Ausstellungen, in Diskussionen. Die Podiumsdiskus-sion habe ich als sehr bereichernd erlebt und wir hatten erfreulich viel Resonanz.

Als besondere Neuerwerbung möchte ich den Nachlass des Literaturagenten und Schriftstellers Heinz Liepman nennen, der umfangreiche Korrespondenzen, aber auch Manuskripte, Publikationen und Dokumente enthält. Liepman ist aufgrund seiner jüdischen Herkunft und seines politischen Engagements aus Deutschland geflohen und gelangte über verschiedene Länder 1937 schließlich in die USA. Seit 1947 lebte er wieder in Deutschland. Mit seiner »zweiten Emigration« in die Schweiz 1961 und seiner im gleichen Jahr erschienenen Publikation »Ein deutscher Jude denkt über Deutschland nach« zeigt Heinz Liepman, dass das nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten erzwungene Exil nach Kriegsende keineswegs zu Ende war. .

Und wie sieht die Zukunft des Deutschen Exilarchivs aus?
Die Erwerbung weiterer Bestände und besonders auch die Erschließung der Nachlässe und Publikationen werden uns noch lange beschäftigen. Gerade im Bereich der Erschließung und der Zugänglichmachung von Erschließungsdaten gibt es neue Entwicklungen, an denen wir mitarbeiten möchten. Digitalisierung ist da nur ein Stichwort.
Daneben hat sich uns aktuell eine ganz besondere Aufgabe gestellt.
Herta Müllers offener Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, in dem sie anregt, in Deutschland ein Exilmuseum zu errichten, hat viel Resonanz gefunden. Der Staatsminister für Kultur und Medien, Bernd Neumann, hat nun ein virtuelles Museum »Künste im Exil« initiiert und dem Deutschen Exilarchiv die Federführung übertragen. Gemeinsam mit dem Deutschen Literaturarchiv Marbach werden wir uns dieser spannenden Aufgabe widmen. Wir hoffen, viele Partnerinstitutionen für die Mitarbeit an diesem Projekt gewinnen zu können.
Parallel dazu werden wir unseren Ausstellungsbereich am Frankfurter Standort ausbauen, um mehr Raum für Ausstel-lungen und Veranstaltungen, besonders auch für die pädagogische Arbeit zu gewinnen. Wir haben also sehr viel vor.

Ihre Tätigkeit führt sicherlich immer wieder zu interessanten Begegnungen. Gibt es eine Persönlichkeit, die Sie besonders beeindruckt hat?
Es gibt eine Fülle von interessanten Begegnungen, und es ist schwierig, nun eine herauszugreifen.
Zur Eröffnung der Ausstellung »Rudolf Olden. Journalist gegen Hitler – Anwalt der Republik« waren zum Beispiel Mitglieder der Olden-Familie aus unterschiedlichen Ländern, Deutschland, Frankreich, Israel, USA, angereist. Das hat uns in unserer Arbeit sehr bestätigt und die Begegnung, etwa mit Mary E. Sufott, der Tochter Rudolf Oldens, war bewegend.
Aktuell arbeiten wir an unserer nächsten Ausstellung »Fremd bin ich den Menschen dort«. In dieser Ausstellung wird unter anderen Dora Schindel porträtiert, die gemeinsam mit dem Wissenschaftler und Politiker Hermann M. Görgen nach Brasilien emigrierte. Den beiden ist es zu verdanken, dass einer Gruppe von 48 gefährdeten Personen die Ausreise nach Brasilien gelang. Zur sogenannten »Gruppe Görgen« gehörten unter anderen die Romanistin Susanne Bach, der Schriftsteller Ulrich Becher, der Biologe Alfred Goldschmidt, der Publizist Walter Kreiser und der Musiker Georg Wassermann. Die Gespräche mit Frau Schindel, die heute 96 Jahre alt ist und die uns bei der Ausstellungsvorbereitung unterstützt hat, gehören zu den besonderen Begegnungen.

Drei Fragen an Dr. Stephanie Jacobs, Leiterin des Deutschen Buch- und Schriftmuseums der Deutschen Nationalbibliothek

Das Jahr 2011 war für das Deutsche Buch- und Schriftmuseum ein Jahr des Aufbruchs. Das inzwischen 128 Jahre alte Museum wagt einen Schritt in die Zukunft – wie war das vergangene Jahr?
Das vergangene Jahr war von der intensiven und alle Kräfte bindenden Vorbereitung unserer neuen Dauerausstellung „Zeichen – Bücher – Netze. Von der Keilschrift zum Binärcode“ geprägt. Nach der Phase der baubegleitenden Ausstellungsplanung stand 2011 vor allem die Ausarbeitung der Ausstellungsthemen im Vordergrund. Aber auch die gestalterische Planung innerhalb der großzügigen Vitrinenlandschaft musste auf den Punkt gebracht werden.
Was heißt das konkret? Zusammen mit unseren Planern, dem Berliner Büro Iglhaut+von Grote, haben wir mehr als 800 historische Objekte ausgewählt und verortet – vom Kerbholz über die Keilschrifttafel, wertvolle mittelalterliche Handschriften und Inkunabeln der Buchdruckerkunst bis zum Papiertheater, den von den Spuren der Zensur gezeichneten Büchern und dem Lithografie-Stein bis zur sogenannten Goebbels-Schnauze (dem Volksempfänger) und elektronischen Lesegeräten. Auch die rund 1.000 Ausstellungstexte sind in den vergangenen Monaten geschrieben, die Filme für die Vitrinenmonitore geschnitten und die letzten Gewerke ausgeschrieben worden.
Belohnt wurden wir nach dem harten, arbeitsreichen und genauso spannenden wie spannungsreichen Jahr durch den feierlichen Moment der Eröffnung: Die Anspannung weicht einer versöhnlichen Stimmung, das in vielerlei Hinsicht auf die Probe gestellte Team feiert die Früchte seiner Arbeit. Aber das Museum erhielt nach über drei Jahren baubedingter Schließung nicht nur neue Ausstellungsräume, auch ein neuer Lesesaal, Magazine und Büros konnten meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Zwischenzeit beziehen.

Veränderungen bringen neue Chancen mit sich, aber verunsichern oft auch. Wie haben Sie und Ihr Team den Sprung in Richtung Zukunft erlebt?
Wenn sich soviel verändert – neue Räume, neue Schwerpunktsetzung, neue Sichtbarkeit – wird das je nach Gemütslage und Selbstverständnis nicht immer nur als Chance wahrgenommen. Das ist überall so: Veränderungsprozesse können verunsichern. Dies in Neugier umzumünzen, in Risikobereitschaft und Vorfreude auf eine andere Richtung, auf ein neues Tempo – darin lag für unser Team eine große Herausforderung im vergangenen Jahr: innere Orientierung zu haben, obwohl die Landkarte in Veränderungsprozessen niemals bis zum Ende der Reise fertiggezeichnet ist.
Wie sah das im vergangenen Jahr ganz konkret aus? Während die einen noch mit den „Kinderkrankheiten“ eines modernen und auch technisch sehr ambitionierten Neubaus kämpften, genossen andere die Großzügigkeit und Modernität ihres neuen Arbeitsumfeldes. Während die einen sich in Vorbereitung des Ausstellungsaufbaus mit jeder Ecke der neuen Ausstellungsräume vertraut machten – Maße nahmen, Materialien prüften, Blickachsen in Augenschein nahmen –, betreuten die anderen die Benutzerinnen und Benutzer des neuen Museumslesesaales, die den Raum schnell lieben gelernt hatten.

Wie geht es weiter, was sind Ihre nächsten Pläne und Ideen?
Nachdem die Ausstellung als Auftakt der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag der Deutschen Nationalbibliothek Mitte März diesen Jahres eröffnet werden konnte und wir uns sehr darüber gefreut haben, dass sie von den Besuchern und der Presse so positiv aufgenommen wurde, können wir uns neben der Weiterentwicklung der Ausstellung endlich auch wieder weiteren Aufgaben widmen.
Zum Beispiel bereiten wir derzeit ein elektronisches Wissensnetz vor, in dem Besucherinen und Besucher ab nächstem Jahr an Tabletcomputern »schmökernd« durch 5.000 Jahre Mediengeschichte surfen können: Dort begegnen sie den wichtigsten Akteuren der Mediengeschichte – von Platon bis Steve Jobs, von der Märchenerzählerin bis zum Erfinder von Facebook. Aber auch vertiefende Informationen zu den Objekten der neuen Dauerausstellung kann man sich über das Wissensnetz erschließen und durch ein interaktives Quiz sein Wissen prüfen.
Auch möchten wir uns nun verstärkt um unsere rund eine Million Objekte umfassenden Sammlungen kümmern, die erstmals in der langen Geschichte des Museums unter idealen konservatorischen Bedingungen in den neuen Magazinen lagern. Vor allem die Sichtbarkeit nach außen, auch online, möchten wir verbessern. Das beginnt mit der Integration unserer Erschließungsergebnisse in die Gemeinsame Normdatei GND und endet noch lange nicht mit kooperativen Erschließungsprojekten wie zum Beispiel dem durch die DFG geförderten Wasserzeichen-Informationssystem, durch das die umfangreichste unserer Sammlungen – die ca. 400.000 Blatt umfassende Wasserzeichensammlung – endlich einen Schritt ins Netz gehen wird.
All dies schaffen wir umso besser, je mehr wir an die Zukunft von Museen als den Gedächtnishütern mit dem großen Wirkungspotential in die Gesellschaft glauben.

Last update: 10.12.2012

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